Das Stadtoriginal von Bern
Ein Mann sitzt mit gebeugtem Rücken auf einer Bank auf der Bundesterrasse und füttert die Tauben. Sein krauses, schwarzes Haar unter der Schirmmütze reicht bis auf die Schultern. Ein farbiges Halstuch dient als Krawattenersatz. Es ist Gottlieb Eidam, das Berner Stadtoriginal, der «Philosoph», der «Chole-Eidam», der sich sein Brot als Kohlenträger verdient.
Gottlieb kommt am 13. August 1836 in Bern zur Welt und wird zwölf Tage später im Münster getauft. Seine Schwester Amelie Rosalie Sophie ist da schon drei Jahre alt. Der Vater, Gottlieb Peter Eidam, geboren 1810 von der Lenk im Simmental, arbeitet als Schreiber am Obergericht. Die Mutter, Elisabeth Mosimann von Trub, heiratet ihn 1833 in der Heiliggeistkirche. Die Familie wohnt an der Metzgergasse 80. Nach dem frühen Tod der Mutter heiratet der Vater 1842 Rosina Julie Küpfer von Bern und zu den beiden Geschwistern gesellen sich bald mehrere Halbgeschwister.
Ein Korrespondent erinnert sich später, Eidam habe früher Zeitungen ausgetragen, mit festen Kunden, und sich zwischendurch mit einem Blatt auf eine Bank gesetzt, um zu lesen. Daher wohl der Übername «Philosoph». Unter einem Torbogen sammelt er milde Gaben, bis die Polizei ihn im Juli 1891 wegen Bettelns aufgreift und für zwei Tage einsperrt. Die Behörde findet, sein «Zustand spotte jeder Beschreibung», und da alle Versuche scheitern, ihm die «notwendigsten Regeln über Reinlichkeit» beizubringen, sieht sie sich «gezwungen, seiner persönlichen Freiheit etwas nahe zu treten». Sie bringt ihn zuerst in der Armenanstalt Worben unter, später in Kühlewyl, gegen seinen Willen, aber mit dem Verweis auf ihre Pflicht, für Alte, Kranke und «meisterlose» Personen zu sorgen.
Wieder ist er weg. Gottlieb Eidam steigt aus dem Fenster, klettert die Fassade hinab und marschiert los, hinunter vom Längenberg in Richtung Bern. Siebzehnmal wiederholt sich diese Szene innerhalb von drei Jahren, und jedes Mal holt man ihn zurück. Auf die Frage, warum er es immer wieder versuche, obwohl er doch weiss, wie es endet, soll er geantwortet haben: «Es git halt nume eis Barn.»
Im Februar 1896 wird aus Eidams Einzelschicksal ein öffentlicher Streit. Der pensionierte Schuldirektor Th. von Lerber fragt im «Berner Tagblatt», mit welchem Recht man einen Mann, der sich, wenn auch mühsam, selbst durchbringe, gegen seinen Willen einsperre, mit Kette, Holzblock, Isolierzelle und Prügelstrafe. Und welche Verordnung es der Polizei erlaube, Bürger festzunehmen, die kein Vergehen begangen haben und deren einzige Schuld es sei, zu viele Haare zu haben. «Der Bund» springt ihm bei, auch die «Neue Zürcher Nachrichten», «Le National Suisse» und das «Journal du Jura» greifen den Fall auf. «Sommes-nous en Russie?», fragt «Le National Suisse» zum Schluss.
Die Gegendarstellung vom Armendirektor Rudolf Schenk im «Intelligenzblatt für die Stadt Bern» folgt prompt. Er nennt die Kampagne ein politisches Manöver, das Eidam nur als «Sturmbock» missbrauche, und bestreitet jede körperliche Züchtigung samt Holzblock. Im Januar 1896 bringt man Eidam bei Verwandten unter und streicht ihn von der «Pfleglingsliste». Er ist wieder frei.
Eidam trägt Kohle aus, Sack um Sack, Tag für Tag, vom Fuhrwerk in die Keller der Berner Haushalte. Kohle abladen ohne Eidam, schreibt später ein berndeutscher Chronist, habe man sich gar nicht vorstellen können. Er sucht keine Aufmerksamkeit, geht seiner Wege, kehrt im alten «Bärehöfli» ein, wo er für wenig Geld Suppe oder Kaffee bekommt. Ein Gerücht hält sich hartnäckig: Eidam habe einst wissenschaftlich studiert, sei durch eine Prüfung gefallen und habe aus Kummer darüber die gelehrte Laufbahn aufgegeben.
Ein alter Mann sitzt auf einem Baumstumpf am Wegrand, die Hände lose gefaltet, der Blick seitlich in die Weite gerichtet. Struppiges weisses Haar quillt unter der Schirmmütze hervor, ein farbiges Halstuch dient als Krawattenersatz, der Rücken leicht gebeugt von schwerer Arbeit. Es ist Gottlieb Eidam, das Berner Stadtoriginal.Am 30. Mai 1909 stirbt Gottlieb Eidam im Gemeindelazarett auf dem Steigerhubel an einem Schlaganfall.
Quellen:
Kopfbild: Metzgergasse, Staatsarchiv des Kantons Bern, T.A Bern Rathausgasse 1 Metzgergasse
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