Zimmerwald brennt

12. Juli 1819, drei Uhr morgens, es knistert im Dorf Zimmerwald. Niemand weiss genau, wo das Feuer seinen Ursprung nimmt und warum es ausgebrochen ist, aber das spielt in diesem Moment ohnehin keine Rolle mehr. Die Hitze der letzten Wochen hat Holz, Stroh und Dachschindeln ausgetrocknet, und die Flammen springen von Dach zu Dach.

Der Sigrist Senn reagiert schnell. Er rennt halb bekleidet zur Kirche, um Sturm zu läuten und die Nachbarschaft zu wecken. Unterdessen geht sein eigenes Haus in Flammen auf.

Bald kommt Hilfe von allen Seiten. Herr Oberamtmann von Graffenried trifft mit zwei Feuerspritzen und «vieler Mannschaft» aus Belp ein, Herr Oberst von Werdt bringt seine Truppe aus Toffen gleich mit. Doch es fehlt das Entscheidende: Wasser. Die Löschmannschaft steht mit bester Ausrüstung und höchstem Rang vor den Flammen und kann buchstäblich nichts ausrichten, ausser zuzusehen, wie fünf Wohnhäuser, mehrere Scheunen, ein Stöcklein, zwei Speicher und diverse Ofenhäuser in Rauch aufgehen. Immerhin gelingt es mit dem wenigen vorhandenen Wasser, den Rest des Dorfes zu retten.

Am Ende zählt man elf Haushaltungen und über vierzig Menschen ohne Dach über dem Kopf. Acht Familien sind arm und besitzen praktisch nichts, eine einzige gilt als «bemittelt». Alle niedergebrannten Gebäude sind «assecurirt». 

Die Lage der Brandgeschädigten ist höchst bedauernswert. Die meisten haben gar nichts, nicht einmal ihre Kleider, gerettet. Bern, bekannt für seine «Mildthätigkeit» ruft sofort zu Spenden auf: Geld, Kleider, Leinen, Bettzeug, Bücher, Werkzeuge – kurz, alles, was in einem Haushalt gebraucht werden kann, ist willkommen.

Die Zeitung «Der Schweizerfreund» bietet an, Annahme und Versand der Ware zu übernehmen. Pfarrer Müslin führt Buch über die Geldspenden.

Zwei Wochen später zieht Pfarrer Müslin Bilanz, und die Zahlen sprechen für die Berner Grosszügigkeit: 179 Franken kommen zusammen, eine Einzelspende bringt stolze 80 Franken, eine weitere 40. Dazu fünf Pakete Kleider und Leinzeug sowie einzelne Kleidungsstücke. Alle Spenden werden Pfarrer Gruner in Zimmerwald zur gerechten Verteilung übergeben.

Quellen:
Der Schweizerfreund vom 20. Juli 1819 auf https://www.e-newspaperarchives.ch/

Vorheriger Beitrag